»Steig auf einen Stuhl und stell' dir vor du bist Adolf Hitler«
– oder: Die seltsamen Gebaren des Bernhard Voss

Ich sitze zwischen Pastoren, Physiotherapeuten, Logopäden, einem Unternehmensberater und einer Radioreakteurin in einer evangelischen Kirche auf dem Pinnasberg im Herzen St. Paulis. »Frosch im Hals« - wie die Aufregung vor einem Auftritt in ein individuelles Kunstwerk verwandelt werden kann, ist das Thema, das hier als Seminar angeboten wird von einem Gestaltpsychotherapeuten und einem freiberuflichen Pastor ohne festen Kirchensitz, der mit seinen Beziehungen dieses Gotteshaus als Veranstaltungsort für das Seminar ermöglicht hat.

Die Seminarleiter lächeln in die Runde. Der Gestaltpsychotherapeut trägt sein kühn gemustertes Hemd betont lässig über der Hose, die Turnschuhe des Pastors lassen auf eine ausgemachte Midlife-Crisis schließen. Der Pastor blickt aus rehfarbenem Teint in die Runde - den er entweder von der letzten Mission irgendwo in Tansania oder ganz profan von einem Urlaub auf den Canarischen Inseln mitgebracht hat, und der hervorragend zu der teuren olivgrünen Strickjacke paßt, die wie die Sneakers deutlich machen soll: dieser Mann ist progressiv.

Gedämpft dringen die Geräusche des Hafens herüber. Die Kirche ist unbeheizt.

Der Pastor heißt eigentlich Hirsch-Hüsche, aber er hat das Hüsche genauso ersatzlos gestrichen, wie er sich wahrscheinlich von Frau Hüsche nicht ersatzlos getrennt hat, aber aus den Buchpublikationen, auf die ich im Internet stoße, läßt es sich nicht so ohne weiteres entfernen, und da mahnt das Hüsche eigensinnig an eine Beziehung und vielleicht zwei oder drei pubertierende Kinder, die jetzt das Los einer Patchwork-Familie erwartet.

Mir ist kalt.

Der Gestalt-Psychotherapeut, Bernhard Voss, hat seine Schuhe abgeworfen und meidet jeden Blickkontakt. Er hat sich angwöhnt, seinen Kopf schräg zwischen die Schultern zu klemmen und die wiegenden Bewegungen erinnern an ein autistisches Kind oder einen Löwen im Käfig, der rastlos hin und her läuft und darauf wartet, jemandem an die Gurgel zu springen.

Ich versuche, meine Skepsis zu unterdrücken. Ich sitze in dieser Runde, weil ich Menschen unterrichte, die öffentlich auftreten, weil ich Journalisten als Moderatoren ausbilde, und weil meine Gesanglehrerin mir den Gestalt-Physiotherapeuten wärmstens empfohlen hatte, als jemand, von dem ich viele Anregungen für meine Arbeit mitnehmen könne.

Die Seminarleiter tauschen bedeutungsvolle Blicke und nun beginnt die Vorstellungs-runde: Jutta ist Physiotherapeutin und wünscht sich »mehr Raum«, wenn sie irgendwo vor Menschen spricht. Helga ist Pastorin und will sich auf eine neue Stelle bewerben. Heiko arbeitet mit Ehrenamtlichen, die er in die Kirchenarbeit einbinden muß. Horst möchte mehr Spiritualität in langweilige Kirchenvorstandssitzungen einbringen, Roman überzeugender in Verkaufsgesprächen auftreten, die Radioredakteurin sich gegen männliche Kollegen in Konferenzen behaupten lernen. Johanna wünscht sich neue Wege im Umgang mit ihren Schülern, die Logopäden wollen wichtige Inspirationen für ihre tägliche Arbeit mitnehmen und die Physiotherapeuten erhoffen sich ebenfalls Anregungen, denn der Gestalt-Psychotherapeut hat sich einen Namen gemacht als Ausbilder im Bereich der Körperarbeit, und hier sitzt nun eine kleine Anhängerschar und betet ihn an, - am meisten die persönliche Assistentin Wiebke, die ehrenamtlich Kaffee und Tee kocht für die Seminarteilnehmer, nur, um dabeisein zu dürfen, wenn ihr großer Guru Wunderwerke vollbringt. Weil sie offensichtlich noch weit von den Meisterwerken ihres Helden entfernt ist, will sie ihm mit selbstgebackenen Apfelkuchen imponieren.

Pastor Hirsch-Hüsche wirft kleine mit Kirschkernen gefüllte Säckchen in die Runde und ruft dabei laut seinen Namen. Wir sollen lernen, daß wir unsere eigene Stimme in eine bestimmte Richtung führen können, daß sie energischer wird mit der entsprechenden Kraftanstrengung und wir so eine Ansprechhaltung erreichen können. Mir fliegt ein Kirschkern-Säckchen an den Kopf und hinterläßt ein brennendes Gefühl an meiner linken Schläfe.

Wir tanzen zur Auflockerung, und Pastor Hirsch-Hüsche setzt sich scheinbar selbstverständlich an den Flügel und möchte den Teilnehmern mit einigen lässig gegriffenen Akkorden imponieren. Gestaltpsychotherapeut Voss verschlingt heimlich ein Stück Apfelkuchen. Die Assistentin ist selig. Apfelkuchen zum Abendmahl.
Dann erleben wir, wie Johanna, die Lehrerin in ihrem eingesperrten Becken durchs Leben geht, denn sie hat schon immer von ihrer Mutter eingeimpft bekommen, daß Sexualität ein großes »Igitt« ist und Frauen sich besser als Neutrum betrachten sollten, und wir werden Zeugen, wie die Seminarleiter ihr eine Kordel um die Hüften legen, daran herumzerren und mit allerlei Tricks und Hilfsmitteln sie binnen einer halben Stunde zum Sexsymbol machen wollen;

wir erfahren, daß die Radioredakteurin wahrscheinlich ein tiefsitzendes Vaterproblem hat, weil sie all ihre männlichen Kollegen verachtet und ihr dieses archaische Gefühl die Unbefangenheit raubt, und binnen dreißig Minuten soll sie eine Konferenz simulieren, das Wort »Verachtung« auf einen Zettel schreiben, ihn zerreissen und damit das Vaterproblem loswerden;

wir erfahren, wie Monika, die Physiotherapeutin, offenbar fest an einen Menschen gebunden ist, der ihr den Raum zum Atmen und zum Leben beschneidet, von dem Monika nicht loskommt, und als die Seminarleiter versuchen, dieses Band zu durchtrennen, bekommt Monika einen Weinkrampf und bricht zusammen, aber da ist die halbe Stunde für Monika schon vorbei und eine der Seminarteilnehmerinnen nimmt Monika tröstend in die Arme, die für den Rest des Tages schluchzend und mit Kloß im Hals in der Kirche sitzt und sehen kann, wo sie mit ihrem Trauma abbleibt.

Und dann ist Heiko dran: Heiko koordiniert Ehrenamtliche Helfer, die genau wissen, in welchem Bereich sie ihr Ehrenamt der Kirche kostenlos zur Verfügung stellen wollen, was aber offenbar nicht immer ihren Qualifikationen entspricht, und anstatt die Ehrenamtlichen zum Teufel zu jagen, muß er sich mit ihnen abmühen und Aufgaben für sie erfinden, wo sie am wenigsten Schaden anrichten können. Heiko ist sanft und hat ebenso wenig Kontakt zu seinen Lenden, wie Johanna zu ihrem Becken. Kurz: Heiko ist so lieb - er könnte keiner Fliege etwas zu leide tun.

Und genau das ist Heikos Problem, findet der Gestalt-Psychotherapeut und will ihm den Weg zu seinem inneren Aggressor ebnen: »Steig auf einen Stuhl und stell dir vor, du bist Adolf Hitler«, sagt Therapeut Voss beherzt - so beherzt, wie sein Hemd aus der Hose hängt, so kühn, wie die Schuhe, die er ausgezogen hat: der Löwe in ihm hat die Überhand gewonnen.

»Moment mal«, versuche ich den Löwen zu bremsen.

Heiko möchte nicht so gern Hitler sein, er möchte eigentlich niemand sein, auch nicht Heiko, am liebsten wäre er überhaupt gar nicht erst aus dem Bauch seiner Mutter geschlüpft, damit fing das ganze Elend an, aber zögerlich quält er sich mit seinem leichten Übergewicht auf den Stuhl, der Bauch im Weg, und steht nun verloren da, die Arme hängen schlaff herab wie welke Tulpen, - ein teigiges Kind, das schon früher immer alle verprüget haben, und das nie wußte, wie es sich wehren sollte. Verunsichert blickt er in die Runde - hoch erhoben - auf dem wackeligen Stuhl, den er normalerweise nur betritt, um eine Glühbirne zu wechseln, überragt alle, und die Menge sieht ihn an, aber soviel Aufmerksamkeit ist ihm ein bißchen zu viel Mittelpunkt. Heiko fühlt sich unwohl, und nun soll er auch noch herumschreien auf seinem Stuhl, und kann nicht einmal von einem Bein auf das andere treten, das läßt der Stuhl nicht zu, und weil ihm nichts anderes übrig bleibt, und Heiko kein »Nein-Sager« ist, ruft er, um sich Mut zu machen, zaghaft in sich hinein.

»Hitler geht nicht«, protestiere ich, aber der Löwe Voss bedeutet mir, den Mund zu halten. Ich störe.

Heiko überwindet sich. Allmählich findet er sogar Gefallen an seinem heiseren Geschrei, steigert sich, ermuntert vom Therapeuten, in die ihm zugedachte Rolle hinein, und Heiko, - selbst überrascht, wie einfach das geht, mal ein bißchen auf die Kacke hauen, warum hat er das bloß nicht viel früher getan, warum ist er nie gegen seine Eltern laut geworden, nicht einmal in der Pubertät, warum hat er nie seine Ehefrau angebrüllt, wenn er sie im Verdacht hatte, ihn wieder einmal betrogen zu haben, scheiße, denkt der Möchte-Gern-Hitler und brüllt aus Leibeskräften in das Kirchenschiff, mir reicht es, grölt er und der wackelige Stuhl trägt ihn nun wie das Fundament die Bismarck-Statue im St. Pauli Park, und Hitler gewinnt an Profil, die Stimme füllt die Kirche, und er folgt den Anweisungen des Seminarleiters Voss, der ihm in einer eiligen Metamorphose als Stellvertreter Hess bedingungslos zur Seite steht, schreit alle Teilnehmer an, die beeindruckt auf ihren Stuhlreihen sitzen, von soviel Größe und Geschrei, das keiner Heiko Hitler jemals zugetraut hätte. »Ich hab die Schnauze voll von den Scheiß-Ehrenamtlichen« hört sich Hitler fluchen. »Leckt mich doch alle am Arsch!« schreit er  triumphierend und erlebt seine späte Revolution gegen Verbote und Reglementierungen, und läßt sich die Schimpfwörter genüßlich im Mund zergehen. Und nun schick sie alle durch den Raum, befiehlt Stellvertreter Hess, und Hitler brüllt Kommandos,  - »mehr Nachdruck, damit sie dir gehorchen«, hilft Hess, - und Adolf donnert alberne Befehle, die schlaffen Tulpenarme haben sich in Windmühlenflügel verwandelt,  schreit beherzt und tatsächlich erhebt sich jetzt einer nach dem anderen und wandert durch das Kirchenschiff, nur ich bleibe fassungslos sitzen, schaue Hitler auf seinem Stuhl ungerührt in die Augen, während er mir Kommandos zubrüllt; schon sucht er wieder die Balance auf dem schmalen Stühlchen, versucht es noch einmal, doch seine Stärke schwindet. Hilflos wendet er sich an den Therapeuten, »die reagiert nicht«, klagt Heiko Hitler, »laß sie«, sagt Hitlers Stellvertreter, »die ist renitent«.

Das finden alle Diktatoren, wenn sie auf eine Gegenmeinung stoßen.
Ich protestiere erneut, aber all die Pastoren, Physiotherapeuten, Logopäden sind mit den Spielregeln einverstanden und freuen sich über Hitlers ganz persönlichen Erfolg.
»Vielleicht ein bißchen Stalin oder Pol Pot gefällig«, sage ich und ernte einen strafenden Blick von Bernhard Voss-Hess. Hirsch-Hüsche hat sich aus Hitlers privaten Machtergreifung zurückgezogen.

...und morgen die ganze Welt! Hitler donnert und die Menge exerziert im Gänsemarsch am Altar vorbei. Der Unternehmensberater Roman ist schwer beeindruckt von Heikos Stärke und empfiehlt ihm einen Hund, an dem er weiter das Anbrüllen trainieren sollte. »Wie schön«, haucht die Schnupfnase mit dem Heulkrampf. »Ganz große Klasse«, findet Horst und die Assistentin nickt triumphierend mit dem Kopf, denn ihr Apfelkuchen ist ratzekahl aufgegessen. Voss-Hess ist zufrieden, wie in der Abschlußrunde überhaupt alle erfüllt sind, und die mit dem Heulkrampf fühlt sich sogar reich beschenkt, weil sie in 30 Minuten vor allen anderen zusammenbrechen durfte. Mir hat es die Sprache verschlagen.

Zu Hause angekommen, platze ich vor Wut, hinterlasse Gestalt-Psychotherapeut Voss-Hess eine Nachricht auf seiner Mail-Box und bitte dringend um Rückruf.
Ich Idiotin! Ich hätte Hitler einfach die wackeligen Stuhlbeine wegtreten können, die »Internationale« schmettern oder mit ausgedrückten Teebeuteln aus dem Mülleimer schießen sollen. Den inneren Agressor artikulieren, nennt das Bernhard Voss.  Bei ihm kann man zur eigenen Befreiung gleich noch ein bißchen Diktator und Massenmord spielen und so die ganz persönliche Sau herauslassen.

Bernhard Voss ruft nicht zurück und allmählich dämmert mir, daß der Therapeut diesen Konflikt wohl lieber aussitzen will. Ich telefoniere mich durch diverse Dachverbände für Physio-, Gestalt-, oder Psychotherapeuten, und allen stehen die Haare zu Berge, als ich vom seltsamen Gebaren des Bernhard Voss berichte, und alle sind erleichtert, mich abwimmeln zu können, da Bernhard Voss in keinem dieser Verbände Mitglied ist. Ein befreundeter Psychoanalytiker bemerkt knapp und treffend: Einem seriösen Therapeuten wäre so etwas nicht passiert.

Hitlers Stellvertreter Voss-Hess tut so, als wäre nichts gewesen: Er meldet sich nicht.

Wutentbrannt lasse ich bei meiner Bank die Teilnehmergebühr in Höhe von 160 Euro auf mein Konto zurückbuchen. Eine Woche später erreicht mich anstelle eines Anrufes das Schreiben eines Rechtsanwaltes, der mir mit Konsequenzen droht, sollte ich die Summe inklusive Verzugszinsen nebst Rechnung für seine eigenen Bemühungen nicht unverzüglich zurückzahlen.

Das also sind die bewährten Kommunikationsmethoden des Psycho-Körpertherapeuten Bernhard Voss; der sich für eine bessere Verständigung einsetzt, seine professionelle Hilfe bei Konfliktlösungen anbietet, der sich damit rühmt, das Voss-Lehnen-Institut zu leiten und als Ausbilder tätig zu sein.

Es soll mir nicht gelingen, Bernhard Voss persönlich zu sprechen. Statt dessen schickt mir Voss nach einer Weile eine Einladung zu einem Seminar über Körperarbeit. Diesmal nicht in einer Kirche, sondern - bezeichnenderweise - im Scharlatan-Theater.

(die Namen der Seminar-Teilnehmer wurden geändert)